„Die Lage ist so schlimm wie lange nicht mehr…“ – Vier Beiträge zum Erfurter Antifa-Kongress »Zeit zu Denken« im Oktober 2025

Aufbauend auf Gesprächen während und nach dem Kongress »Zeit zu Denken« sind die folgenden vier Beiträge zur gemeinsamen Praxis im Modus der (Selbst-)Kritik entstanden. Sie sollten eigentlich in der Lirabelle 35 erscheinen, passen aber vom Umfang her nicht ins Heft, deswegen veröffentlichen wir sie als Beilage. Die Beträge wollen die vom Kongress beanspruchte Eröffnung einer Selbstverständigung fortsetzen. Sie ist laut den Autor*innen dringend nötig, wurde auf dem Kongress aber weitgehend versäumt. Die Form der vier Einzelbeiträge folgt den emotional-politischen Eindrücken vom Kongress, ist aber eventuell auch der Form der Debatte geschuldet, die die Autor*innen durch ihre politische Sozialisation – vielleicht zu sehr – gewöhnt sind.
Der Anspruch des Kongresses ist im Aufruf dokumentiert, aus dem auch das Zitat im Titel dieses Artikels stammt. Auf der Seite auf https://zeitzudenken.arranca.de sind Aufruf, Programm, sowie Mitschnitte vieler, auch im folgenden Text erwähnter Kongressbeiträge dokumentiert.

Beitrag 1, von Nadja Flieg (Mitglied bei „Das schleche Gewissen)

Enttäuschung ist eine Bewertung vertaner Chancen und bedauernswerter Mängel. Enttäuschung ist ihrem Namen nach aber auch eine Folge von Täuschung und Produkt von uneingelöster Hoffnung. Statt den Kongress „Zeit zu Denken“ also lediglich seiner Fehler zu überführen, möchte ich daher bei meinen Illusionen beginnen. Ich habe mich sehr auf das Wochenende gefreut. Endlich mal wirklich politisch denken und diskutieren. Über Herausforderungen der eigenen politischen Praxis mit Zeit kritisch nachdenken. Adorno lesen außerhalb des mit Halbbildung, akademischem Habitus und Mackertum geprägten Seminarraums oder des freundschaftlichen aber folgenlosen Lesekreises im Privaten. Sich mit anderen klugen Köpfen in ähnlichen Situationen austauschen und so sogar zu neuen Strategien oder Ideen, Vernetzungen und Allianzen zu kommen. Oder immerhin zu mehr Einsicht über die eigene Lage.
Ich habe mich gefreut auf die Zeit, die mir versprochen wurde. Ist Denken doch etwas, wofür man sich Zeit nehmen muss und das Übung bedarf. Nicht als vereinzelte Kontemplation im stillen Kämmerlein, sondern als gemeinsame Praxis, in Diskussionen und Gesprächen. Ein Kongress kann ein Übungsraum dafür sein.
Erst in der Regionalbahn nach Erfurt kam die Realisation: wieso und woher sollten diese Menschen eigentlich kommen? Statt meiner Phantasie, dass dort die sympathischen, aufrichtigen Teile einer Polit-Intelligenzia zusammentreffen, realisierte ich schon vor Beginn des Kongesses, dass es viel wahrscheinlicher ist, dass dort auch genau dieselben Leute zusammenkommen, die in Seminaren und Plena darüber hinwegzutäuschen versuchen, dass für eine aufmerksame Adorno-Lektüre nicht die Zeit blieb.
Doch noch auf derselben Bahnfahrt, bei der ich die erste Illusion verwarf, verteidigte ich meine Hoffnung: Auf diesem Kongress erwartete ich doch weiterhin ‚etwas anderes‘. Etwas anderes, vielleicht auch ‚etwas mehr‘ als überall sonst (wie irrig dies war, bezeugen die programmatischen Ähnlichkeiten auf Kongressen im vergangenen Jahr).1 Dieses etwas, das ich mir einredete, das ich erhoffte und ersehnte, das mir gleichermaßen titelgebend versprochen wurde, war Selbstkritik.
Um es an einem Teil des Programms fest zu machen: Wir – meine Begleitung und ich – hatten keine Lust, uns zum vielfachen Mal den Hype um Stadtteilarbeit als die vermeintlich innovative Lösung anpreisen zu lassen.2 Die selbstkritische Intervention, die ich mir erhoffte, wäre ein Workshop, um darüber nachzudenken, welche Implikationen diese Arbeit hat, aus welchen Bedürfnissen, aus welchen Ohnmachtsgefühlen und Machtphantasien heraus wir sie betreiben, in welche Position, Ambivalenzen und Konflikte wir uns dabei begeben usw.
Ich bin keine Feindin von Stadtteilarbeit. Ich verstehe das Bedürfnis danach durchaus und es gibt mit Sicherheit sinnlosere und schädlichere Formen von Aktivismus. Und doch lohnt es sich, sich auch mal die Zeit zu nehmen, (selbst-)kritisch darüber nachzudenken. Das ist für mich keine Delegitimierung dieser Praxis, sondern eine zwingende Notwendigkeit, sie gut zu machen.
Diesen Anspruch an die eigene Praxis letztlich beim Kongress nicht eingelöst zu sehen, ist eine tiefgehende Enttäuschung. Wenn das beim Kongress Erlebte die Sperrspitze von außeruniversitärer Ideologiekritik aktuell sein soll, dann ist das eine tragische Feststellung. Vielleicht nahm ich aber auch zu Unrecht an, dass sich der Kongress einem ideologiekritischen Ansatz verpflichte. Und doch möchte ich diese Enttäuschung nicht nur mit meiner Täuschung begründen. Denn ic würde behaupten, dass mir der Aufruf Versprechungen zumindest suggeriert hat.
Als Antwort und Gegenthese zu „Zeit zu handeln“ und dem (glücklicherweise ebenso enttäuschten) Bestreben linksautoritärer Gruppierungen aus Westdeutschland, wieder eine Bewegung mit neuer Stärke auf die Straße zu bringen, entwarf „Zeit zu Denken“ für mich die Hoffnung auf den (Wieder-)Aufbau einer theorieaffinen, prozionistischen, autoritarismuskritischen Linken. Dass dieser Versuch in Thüringen und von vermeintlich antideutschen Kommunist*innen und sozialistischen Lektürefans unternommen wurde, nährte diese Hoffnung.
Der Entwurf dieser Neubelebung muss für mich Selbstkritik, muss hadern mit sich selbst, Streit und Misstrauen beinhalten. Schon weil er stets und notwendig als Gegenthese daherkommt und weil er seiner Prägung nach nichts unhinterfragt gelten lassen darf. Dieser Entwurf ist Zwietracht gegen falsche Einheit, ist Verunsicherung, auch weil Sicherheit Täuschung wäre.
Das, was man beim Kongress erleben konnte, war dann aber vor allem kollektive Selbstvergewisserung. Und das, ohne danach zu fragen, was dieses Selbst eigentlich ist oder sein soll. Genau diese Selbstverständigung habe ich erwartet. Sie wäre die Grundlage für etwas, das über den Kongress hinausginge, wie etwa eine Vernetzung von versprenkelten progressiven antisemitismuskritischen Teilen einer so called post-autonomen Linken. Vielleicht ist aber schon die Hoffnung auf diese Sprenkel nur Illusion.
Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass dieses Vorhaben zwingend der Selbstkritik bedarf, um sich gerecht zu werden. Denn eine Wiederbelebung der Überbleibsel einer längst untoten Antideutschen Linken ist keinesfalls die Einlösung dieses Entwurfs. Drum braucht es die Kritik des eigenen Standpunktes und der eigenen Geschichte. Eine selbstkritische Bestandsaufnahme des Scheiterns und irrelevant Werdens dieser Strömung, aber auch einen aktiven Umgang mit den Altlasten, die sie hervorbrachte, von Vulgärpolemik und Jargon über spezifische Sexismen und unangenehme Diskussionskultur zugunsten einer performativ unbequemen Kritik, bis zu Rassismus und Queerfeindlichkeit.
Der beim Kongress vorgeführte Harmonismus scheint jedoch wie die schlechte Aufhebung dieser alten Manier. So sehr ich es genieße, dass unser Umgangston nicht mehr von unnötig beleidigender Polemik bestimmt ist, genauso unzufriedenstellend finde ich es, dass für Kritik und inhaltlichen Streit kein Platz mehr bleibt. Insbesondere dann, wenn wir uns das auf die eigene Fahne schreiben. Es ist aber vielleicht auch leichter, sich über die eigene Ohnmacht hinwegzutäuschen, als sich ihr zu stellen.
Doch vielleicht muss ich auch die Enttäuschung einstecken, dass dies alles gar nicht der Entwurf oder die Funktion des Kongresses war. Vielleicht wurde ich nicht getäuscht, sondern habe mich getäuscht. Enttäuschend bleibt es dabei trotzdem, stellt uns doch die Welt genug Denk-Aufgaben und bleibt die Notwendigkeit für einen selbstreflektierten Antifaschismus, für schonungslose Kritik der Verhältnisse und für eine Linke, die denkt, bevor sie handelt, die streiten und zweifeln kann, weil sie es übt, gegeben.

1
2025 fanden auch der „Antifa out of line“-Kongress in Berlin und Kantine „Arditi“ in Chemnitz statt, auf die auch beim „Zeit zu Denken“-Kongress Bezug genommen wurde.

2
Angekündigt und durchgeführt wurde nämlich eine Austauschrunde zum Thema „Zum aktuellen Stand revolutionärer Stadtteilarbeit“ von der Gruppe „Vogliamo Tutto“. Dieser und weitere im Folgenden erwähnte Beiträge lassen sich auf https://freie-radios.net nachhören.


Beitrag 2, von Fritzi Berger (Trans*solidarische Vernetzung)

“Was Rosa Luxemburg mitten im 1. Weltkrieg an die Arbeiter*innenbewegung adressierte, muss auch für uns heute gelten: Dass nämlich Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik, Lebensluft und Lebenslicht der Bewegung ist – und nicht falsch verstandene Einheit aller irgendwie Linken.” Dieser Satz im Aufruf zum Kongress hatte meine Hoffnung geweckt. Das ist allerdings auch nur ein Satz unter sehr vielen weiteren gewesen. Auf dem Kongress habe ich – vielleicht lag es ja auch an der Wahl meiner Workshops – Kritik in dieser Schärfe nicht, wenn überhaupt als eine nach außen gerichtete, sich abgrenzende wiedergefunden. Eben nicht als gemeinsame Infragestellung mitgebrachter Wahrheiten, sondern als richtende, verurteilende Beschreibung von Phänomenen, die scheinbar nur an anderen sichtbar werden.

Selbstkritik – auch sanfte – war selten.1 Allgemein überwog der Eindruck, dass es sich um Bildungsveranstaltungen handelte, in denen Inhalte erklärt wurden und anschließend teils Raum für persönlichen Austausch und Vernetzung war. Das kann ich mir rückblickend damit erklären, dass mit dem Kongress auch ein niedrigschwelliger Einstieg für ’neue Leute‘ ermöglicht werden sollte. Schließlich sind neben kritischer Selbstbeschäftigung und daraus resultierender gemeinsamer Neuverortung auch politische Reproduktion und (Wieder-?)Erlangen von Handlungsräumen & -strategien denkbare Ziele eines Kongresses.
Hierfür wurden verschiedene Problemlagen herangezogen und sich der eigenen Wahrheit durch die Kritik der falschen Anderen versichert. Ein effektiver Weg, um sich nebenbei das eigene Selbst zu konstituieren. Eine (geteilte) Idee von diesem Selbst zu haben, ist auch eine Grundvoraussetzung für die Möglichkeit von Selbst-Kritik. Dieses Selbst blieb aber nebulös und von Kritik nahezu unbelastet.
Dabei weiß ich gar nicht, wie sehr ich Teil des hergestellten Selbst war. Gefühlt habe ich es nicht, denn die Norm der Cisbinarität schien very much alive and well.
Einen kritischen oder durch Erkenntnisse von Kritik schlauer gewordenen Umgang hiermit, thematisch wie organisatorisch, habe ich mir wegen des Eingangszitates erhofft. Stattdessen fand ich Unbehagen. Um dieses zu verstehen, ist ein kleiner Rückblick relevant.
Denn wer sich mit ein wenig Empathie oder kritischem Interesse vermeintlich ‚antideutsche‘, selbsterklärt materialistische oder ideologiekritische Positionen zu Queerness aus Vergangenheit und Gegenwart ansieht, hört wie ich wohl das große Schweigen zur Aufarbeitung eigener Queer- und insbesondere Trans*feindlichkeit zirpen. Mit welchen Naturbegriffen, Verteidigungen letztlich bürgerlich-kirchlicher Moral und Gesinnungs-Zuschreibungen hier gearbeitet wurde, sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Vielleicht würde es sich mal lohnen, darüber nachzudenken? Immerhin sind sich antiautoritäre und antisemitismuskritische Linke im Großen und Ganzen mittlerweile einig, dass queere Menschen existieren dürfen. Sogar trans* Menschen im korrekten Geschlecht. Wie nett!
Das sah vor einigen Jahren noch deutlich anders aus. Auf dem Kongress habe ich nichts davon gehört. Noch nicht mal von denen, denen es damals wichtig war, im Sinne eines transmisogynen Mandats die Wölfe im Schafspelz im Zaum zu halten: „Wer schleicht sich denn hier bei den Frauen ein? Sind die nicht gefährlich? Eigentlich sind wir ja Feministinnen, aber muss sich das nicht gegen manche (also trans*) Frauen richten?“
Mag ja sein, dass die eine persönliche Entwicklung durchgemacht haben und jetzt durchdachtere Positionen haben. Ich wünsche es ihnen. Und ich bin mir sicher, es wäre produktiv, das zu reflektieren und zu analysieren.

Ergebniskorrektur reicht nicht. Irgendwo in der überholten Analyse steckt ja etwas, das zu einem zu korrigierenden Ergebnis geführt hat – egal, ob es sich um transfeindliche pseudo-materialistische Feminismen oder ‚antideutschen‘ Antifeminismus bzw. deren Relikte handelt. Dafür haben wir aber keine Zeit – und damit scheint auch die Notwendigkeit zu verschwinden. Denn Nazis greifen CSDs an, also ist qua Antifaschismus plötzlich klar, dass Queer- und auch Trans*feindlichkeit ein Problem sind. Wieso ‚uns‘ das nicht früher schon aufgefallen ist, so über die Umwege von Faschismusanalyse, Kritik und Geschichte des Antisemitismus, die Beschäftigung mit Geschlecht und Antisemitismus, Negierung von Biologismen oder Dekonstruktion von Kulturmarxismus als Feindbild?
Im Kontext des Kongresses sagte mir das Workshopangebot zu feministischen/queeren Themen: Feminismus, Antisexismus, der Kampf gegen extrem rechte Queer­feindlichkeit haben einen Platz. Ein Programmpunkt zur Mobilisierung zu CSDs gegen queerfeindliche Nazis und einer zur Einführung in binäre Geschlechterverhältnisse und pseudo-profeministi­sche (cis endo hetero) Männer deckten dies ab.2 Daraus folgt für mich auch die Setzung: Trans*feindlich ist nicht gut. Nur: Das sind die anderen.

Beim klassischen oppositionellen Sexismus war das offener. Kritik an linken, anwesenden (cis) Männern war explizit Teil des Programms und der Workshopankündigung. Vor Ort habe ich unter anderem gelernt, dass in materialistischen Analysen antisemitismuskritischer Linker scheinbar immer noch unklar ist, wie sich denn Queerness betrachten, abbilden oder einbinden lässt. Das finde ich verwunderlich, aber immerhin scheint es eine Ahnung von diesem Defizit zu geben. Dafür spricht die von den vielen Denkenden routiniert vorgenommene Ergebniskorrektur. So werden die auf cisnormativen Analysen und Vorstellungen fußenden Punkten geschönt, indem sie in die neue, scheinbar inklusivere Binaritätskonstruktion von Männern vs. FLINTA („Menschen, die ich als Frauen lesen will“) verpackt werden. Trans* Männlichkeiten? Cis inter Männer? FLINTA, die Männer sind? Anscheinend nicht so wichtig. Das kann ich kaum ernst nehmen, weil es so wenig durchdacht ist: Offensichtlich sind Mann und FLINTA keine sich ausschließenden Identitätskategorien.
Wohlwollend verstanden ist es ein Versuch, immerhin nicht ganz falsch abzubiegen, zumindest einen Spalt aufzulassen neben den gesellschaftlichen Skripten von Geschlecht und Begehren, die mir in hedonistischen Anti-D Milieus schon mal weniger mächtig schienen. Kritisch betrachtet verleitet es anscheinend neben der Ausblendung und Gleichmachung verschiedenster Lebenserfahrungen, Unterdrückungen und Machtverhältnissen dazu, queere cis Männer nahezu komplett auszublenden, und die Frage nach Sexualität und Begehren gleich mit. Dabei ist Heteronormativität ganz schön relevant, wenn es um Analysen zu Geschlecht und Geschlechterverhältnissen geht.
Neue Identitätskonstruktionen lösen die Integration ’neuer Erkenntnisse‘ nicht ein. Die könnte durch einen Blick auf Verletzlichkeiten, Betroffenheiten und Marginalisierungen gelingen, durch die Kritik des Bestehenden unter Beachtung verschiedener Lebensrealitäten, aber nicht durch ein neu ausgebreitetes Mantelwort. „Selbstkritik“ betrieben in logischer Folge dann nur die verständnisvollen Profeministen, deren performativer Inhalt das nun einmal oft genug ist.
Damit meine ich ganz explizit nicht das Tragen von Nagellack. Der scheint fast immer Thema zu sein, wenn es um performativen Profeminismus geht und fand sich auch beim Kongress in einem wohl provokant gemeinten Titel.
Lassen ‚wir‘ doch einfach Männer Nagellack tragen. Und wenn deren Feminismus sich als leere Behauptung erweist, hieran Kritik üben, und nicht an ihrer Maniküre. Dass sich Empörung oft darauf fokussiert, verweist eher auf die Moralisierung sozialer Kategorien und Betroffenheiten: Da stellt sich jemand fälschlicherweise als einer von ‚den Guten‘ da. Oder vielleicht mag er einfach Nagellack? Moralische Zuschreibungen an Identität kann ich als heuristisches Instrument sozialer Navigation nachvollziehen, politisch führen sie aber nur eine weitere Binarität ein, die der Komplexität von Realität nicht gerecht werden kann, aufseiten der ‚Guten‘ (i.e. in Machtverhältnissen Marginalisierten) gegen Kritik immunisieren und bei den ‚Bösen‘ jedes emanzipatorische Streben von vornherein aussichtslos machen kann. Einer Selbstkritik ist das nicht förderlich.
Und ganz nebenbei fokussiert es gerade das aus cis-heteronormativer Perspektive Unmännliche als Problem an pseudofeministischen Männern. Auch hier könnte es sich als sinnvoll erweisen, über eigene Queernegativität nachzudenken – Kritik am Selbst zu üben.
Der Fokus auf Kritik an den anderen war dabei kein themenspezifischer Ausrutscher im von mir als antisexistisch identifizierten Programmteil. So kann ich meine Unzufriedenheit immerhin allgemeiner und nicht nur in persönlicher Kränkung artikulieren: Selbstkritik war wirklich nicht sonderlich zentral.
Für den weiteren Kongress will ich das anekdotisch illustrieren. Zu Beginn des Kongresses wurde die Notwendigkeit der Kritik der eigenen Produktionsverhältnisse als Wissensarbeiter*innen betont. Daraufhin wurde in einer Nachfrage darum gebeten, dies zu konkretisieren und exemplarisch vorzumachen. Die Antwort fiel eher mager aus. Im Sinne einer Ausnahme, die die Regel bestätigt, wurde gezeigt, dass aufgrund der spezifischen eigenen Situation keine Selbstkritik nötig sei. Auch wenn die Differenz zu anderen Wissensarbeiter*innen sachlich gut begründet war, blieb hier von der Forderung nach Selbstkritik letztlich übrig, dass die anderen sich halt mal reflektieren müssten.
Das “(selbst-)kritische Abschlussgespräch” legte dann die erarbeiteten Positionen komplementär nebeneinander, ohne dass groß auffallen musste, dass diese im Wesentlichen als Gegenpositionen entwickelten Standpunkte teils nicht wirklich zueinander passen und nicht als Ergebnis von Verständigung taugen. Vermutlich spiegeln sie eher den thematischen Minimalkonsens der Veranstalter*innen wider. Damit wirkte der Saal auch eigentlich zufrieden. So wurde es zuletzt nur da noch verbal turbulent, wo tatsächlich ehrliche Kritik geäußert wurde, ohne diese achtsam-manipulativ in ein Wohlfühlsandwich zu verpacken. Damit war dann aber auch schnell Schluss, zu viel Störung in der endlich gefundenen linken Einheit (gute, antiautoritäre Seite) sollte nicht riskiert werden, es geht ja auch ums Funktionieren und die Sache und deren Gelingen und Kritik stand schließlich schon im Titel. Autoritär sind schließlich immer die anderen. Reicht jetzt auch, genug Kritik.

1
Immerhin ein Referent, Ewgeniy, hat in der Auseinandersetzung mit Militarismus auch nach innen gerichtete, auf die Hinterfragung eigener Positionen zielende Kritiken stark gemacht.

2
Unter dem Titel „Autoritarismus und Antifeminismus“ hielt „…ums Ganze!“ einen Vortrag. Die Gruppe „Kritik und Intervention“ leitete eine Austauschrunde mit dem Titel „Kampfsport, Nagellack, Fred Perry – Linke Männer und das Patriarchat“


Beitrag 3, von Simon Rubaschow (Mitglied im Club Communism, Jena)

Die „Zeit zu handeln“ Großdemonstration am Vortag der letzten Landtagswahl in Erfurt provozierte damals bei einigen meiner Genoss*innen Kopfschütteln. Nicht, dass es verwunderte, dass westdeutsche autoritär-kommunistische Gruppen den Anlass eines erwartbaren AfD-Wahlsiegs nutzen wollten, um sich als die konsequenteste Opposition gegen die bestehenden Verhältnisse zu profilieren – das verwunderte niemanden. Sondern, dass auch eine Reihe bisher als relativ vernünftig eingeschätzter Gruppen insbesondere aus Hessen, wie CAT Marburg, task Kassel oder die Antifaschistische Basisgruppe [abg] Frankfurt am Main/Offenbach, den Aufruf unterschrieben hatten, irritierte. War der früher gepflegte Kontakt über die ehemalige innerdeutsche Grenze1 so weit abgerissen, dass schon in Hessen die Mittel für eine politische Analyse der Situation in Thüringen fehlten? Oder war der Verfall der radikalen Linken so weit fortgeschritten, dass auch diese Gruppen dem autoritären Spektrum zuzuschreiben waren?

Hoffnung machend erschien vor diesem Hintergrund der Aufruf zum „(Selbst-)kritischen Antifa-Kongress ‚Zeit zu Denken‘“, der west- und ostdeutsche radikale Linke dazu aufrief, gemeinsam die Verhältnisse zu analysieren, um Antworten auf die offenen Fragen zu finden, wie antifaschistische Praxis derzeit auszusehen hätte, wenn sie sich nicht in rot-identitäres Spektakel erschöpfen solle, und wie zu einer Praxis solidarischer, wechselseitiger Kritik zurückgekehrt werden könne. Mit diesen Hoffnungen fuhren wir auch am Morgen des 11. Oktober letzten Jahres nach Erfurt. Die letzten Jahre waren geprägt von ermüdenden Auseinandersetzungen: Auseinandersetzungen erst um immer inhaltsloser werdende Bündnispolitiken gegen Rechts, bei denen die gemeinsame Klammer ‚gegen die AfD!‘ jede inhaltliche Kritik an die den Neofaschismus hervorbringende Gesellschaft ablöste. Und ab 2023 Auseinandersetzungen um die immer absurder werdende Akzeptanz israelbezogenen Antisemitismus bei den eigenen Genoss*innen und Bekannten, die zunehmend um ihre eigene Teilnahme an Demonstrationen oder Veranstaltungen zu rechtfertigen, Antisemitismus verharmlosten und klein redeten. Daher freuten wir uns auf inhaltliche Debatten auf der Basis eines geteilten Standpunkts, der nicht zuletzt unsere eigene politische Sozialisation abbildete: Das undogmatische Arbeitsbündnis antiautoritärer Linker verschiedenster Couleur, antinationale und antideutsche Kommunist*innen, Anarchist*innen und die Sympathischeren der Postautonomen.

Das Spektrum bzw. seine Reste fanden wir in Erfurt tatsächlich vor, eine gemeinsame Praxis der Kritik fand allerdings bei ‚Zeit zu Denken‘ nicht statt. Von Beginn bis Ende des Kongresses gab es kaum wirkliche Auseinandersetzung unter- und miteinander. Auf dem Auftaktpodium wurden nicht Positionen innerhalb des eigenen Spektrums miteinander konfrontiert, sondern Wissen von Expert*innen zueinander passend arrangiert, im Abschlussplenum wurde vom Podium die These vertreten, dass es doch eher Zeit, gemeinsam zu handeln als Zeit, kritisch zu denken sei, und das Publikum bedachte Lob am schönen Kongresstag mit Applaus während etwa die Kritik, dass wir durch den Kongress in der Lösung unserer eigenen politischen Probleme keinen Deut weiter gekommen seien, abgewehrt wurde. Dazwischen lagen parallele Workshops, zu denen der Orga-Kreis anscheinend die seines Erachtens jeweils richtig liegenden Expert*innen eingeladen hatte, die je ihre Position präsentieren sollten. Eine Position, die nicht ausgewählt wurde, um sie zu diskutieren, sondern weil erhofft wurde, man könne sie von den Expert*innen lernen. Schließlich gab es sogenannte Austauschrunden, die sehr unterschiedlich abliefen, aber zumindest in denen, in denen ich oder Genoss*innen von mir saßen, auch nicht gestritten oder diskutiert wurde. All dies zusammen genommen führte dazu, dass wir als Teilnehmer*innen des Kongresses in unserer Vereinzelung verblieben, atomisiert als Publikum der Expert*innen, anstatt das in der Auseinandersetzung, in wechselseitiger Kritik, Streit und dem gemeinsamen Überwinden der festgefahrenen Positionen, irgendetwas entstehen konnte. Am Ende hinterließ der Kongress bei mir eher das Gefühl verstärkter Ohnmacht. Dass an einem Tag keine grundsätzliche politische Analyse der faschistischen Bewegung und ihrer Erfolgsbedingungen, der strukturellen Ursachen des neuerlichen Aufstiegs autoritärer Positionen innerhalb der Linken, des politischen Umgangs mit dem Sturm des Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 stattfanden – geschenkt. Dass die Spaltungslinien im eigenen politischen Spektrum, die auch auf dem Kongress offenlagen, nicht ausdiskutiert wurden, etwa wenn in Hinsicht auf die politische Haltung zum Krieg in der Ukraine oder die (fehlende) Solidarität gegen transphobe Formen des Feminismus unvereinbare Positionen nebeneinanderstanden – ebenfalls geschenkt. Das Gefühl der Ohnmacht verstärkte der Kongress eher, weil es anscheinend nicht einmal als Problem wahrgenommen wurde, dass diese Analyse und diese Diskussionen auf dem Kongress fehlten. Die Mehrheit der Anwesenden schien den Kongress nicht als Ort gemeinsamer, wechselseitiger Kritik verstanden wissen zu wollen, sondern – so wurde es im Abschlussplenum unter großem Applaus proklamiert – als Ort, einer neuen Generation von Aktivist*innen ein paar Basics zu vermitteln.

Insofern ist die eigene Hoffnung, mit der wir zum Kongress anreisten, selbst vermutlich ein Produkt der eigenen fehlenden Analyse und Kritik dieser Tage: Der geteilte Standpunkt, in dem wir uns politisch sozialisierten, existiert schlicht nicht mehr. Anstatt dies auch selbstkritisch zu bemerken, zogen wir uns bei der Lektüre des Aufrufs zu „Zeit zu Denken“ nostalgisch in eine Vergangenheit zurück, die so toll nun auch nicht war und deren Analysen und Kritiken ihre Relevanz heute auch erst einmal ausweisen müssten. Vielleicht war es Zeit, einfach zusammenzukommen, jenseits allzu breiter Bündnisse und roter Gruppen, und der Kongress erlaubte zumindest die Vermessung des status quo der antiautoritären Linken; und vielleicht geht es den Genoss*innen in Hessen ebenso.


1
Anfang der 2010er wurden beispielsweise von einigen der genannten hessischen Gruppen die Proteste gegen den Burschentag in Eisenach organisiert, und es gab dazu und zu anderen Anlässen regelmäßige Zusammenarbeit mit Thüringer Antifaschist*innen.


Beitrag 4, von Lisa Wowbagger (Trans*solidarische Vernetzung, Jena)

Autoritarismus, Antizionismus und DiE aRbEiteRkLaSsE scheinen wieder zu ziehen unter jungen Linken. Rote Autoritäre und antizionistische Linke scheinen auch in Gegenden, in denen sie bisher eher eine skurrile Randerscheinung darstellten, immer mehr Fuß zu fassen. Dass sie nicht nur Oberwasser haben, sondern auch einen starken Durchsetzungswillen, der vor wenig zurückzuschrecken scheint, zeigte nicht zuletzt der Angriff auf Connewitz am 17. Januar 2026. Ihr altes neues Angebot ist in sich überschlagenden Zeiten wie diesen, in denen sich alles zuzuspitzen scheint, auch verlockend: Es besticht durch Klarheit, ist aktivierend und entlastend. Statt (Selbst-)Kritik und endlosen Identitätsdebatten klare Feindmarkierung. Man zieht gegen die unheilige Dreifaltigkeit von Faschismus, (US-)Imperialismus und Kapital zu Felde – der Kommunismus auf Erden, wenn Palästina endlich frei ist. Demgegenüber steht (nicht nur) am 17. Januar ein Potpourri äußerst verschiedener, sich teils aber auch überschneidender, linker Strömungen, die vage mit Begriffen wie antideutsch, undogmatisch, antisemitismuskritisch und antiautoritär umschrieben werden können und die die Crowd der Gegenproteste in Leipzig stellten. Die Formierung der autoritären roten Gruppen, der wachsende und sich mittlerweile kaum noch zügelnde linke Antisemitismus und die Angriffe auf linke und antifaschistische Akteur*innen schrecken auf und sorgen auch auf der anderen Seite der Hamburger Gitter für Bewegung. So wichtig und in diesem Fall auch erfolgreich diese Mobilisierung war, so hat sich auch gezeigt, dass man sich sehr unklar und uneins über Ziel und Richtung der Bewegung ist. Man weiß vor allem und ist sich einig darin: die andern sind im Unrecht und das reicht ja auch erstmal völlig für eine Mobilisierung gegen den sich formierenden Mob. Zumal man Dissens und Kritik ja eigentlich den politischen Vorzug gegenüber jeder Form von Einheitsgetümel gibt.
All dies in Rechnung gestellt, bereitet ein anderer Eindruck viel mehr Bauchschmerzen, nämlich die Routiniertheit der ganzen Veranstaltung. Irgendwie ist man alt geworden. Und damit meine ich nicht in erster Linie den Altersdurchschnitt (obwohl mir scheint, dass auch der nicht nur auf die größere Weisheit, sondern auch auf ein ernsthaftes Reproduktionsproblem verweist), sondern vor allem die elende Wiederholung des immer gleichen. Jene offenbarte sich am 17. Januar vor allem durch altbackene und gerade dadurch falsche Parolen und antideutsche Folklore.1 Man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, viele der Teilnehmenden, die sich irgendwie als wenn nicht einer antideutschen Szene zurechnen, so doch zumindest ihrer antideutschen Antifa-Sozialisation erinnern, wollten eben gern nochmal die Israelflagge spazieren tragen, bisschen Egotronic vom Lauti hören, ein zwei klug klingende Adorno Zitate zum Besten geben – irgendwas mit autoritärerer Persönlichkeit – und sich nochmal ein klein wenig edgy fühlen, wenn man Bomber Harris anruft und die politischen Gegnerinnen als Kriegsverlierer verhöhnt. Das Problem dabei ist nicht, dass Kritik in Provokationen verpackt wird, sondern dass die Provokation keine Kritik mehr enthält. All dies Praktiken haben ihren politischen Charakter verloren, weil sie aus dem Kontext gefallen sind und den wunden Punkt, den sie mal trafen nicht mehr treffen: Weil plakative Israelsolidarität Staatsräson ist; weil die Hamas nicht gewinnt, weil sie militärisch gewinnt, sondern gerade, weil sie militärisch verliert (und darin ein ziemlich deutlicher politisch-moralischer Unterschied zwischen der Hamas und dem NS zutage tritt); weil Torsun tot ist (RiP) und Alles.Scheisze ihn nur wiederholt; weil kritische Theorie keine Bibelexegese ist; weil die militärische Durchschlagskraft angloamerikanischer, ebenso wie anderer Militärs, immer mehr von den Clouds, KIs und Satellitensystemen einzelner Tech-Giganten abhängig ist und Arthur Harris eben auch Kolonialist war.
Weil es also dringend eine Selbstverständigung dieser Szene über die gegenwärtigen Zustände braucht, die sich nicht damit zufriedengibt, die immer gleichen theoretischen, kulturellen und polemisch-politischen Register zu ziehen. Eine großartige Gelegenheit diese kritische Selbstverständigung zumindest anzustoßen, war der drei Monate vorher stattfindende „(Selbst-)kritischer Antifa- Kongress – Zeit zu Denken“ in Erfurt – schon der Titel der Konferenz eine Antwort auf einen ebensolchen Schreckmoment: die „Zeit zu handeln“ Groß­demonstration am letzten Tag vor den Landtagswahlen, zu der autoritäre rote Gruppen gemeinsam mit westdeutschen Antifa-Gruppen aufriefen und damit vor Augen führten, wie wenig Abgrenzungsbereitschaft man auch in Teilen der Antifa-Szene gegen solche Positionen hat.
Auf noch unangenehmere Weise zeigte sich auf diesem Kongress allerdings die gleiche Routiniertheit. Schon die Eröffnung war dafür symptomatisch: Nach ein paar jovialen und leider auch nur mäßig guten Witzen über die „Zeit zu handeln“-Leute folgte ein Eröffnungspodium, das sich u.a. mit der Frage ankündigte wie sich „bei sozial­psy­cho­logi­schen, gesellschaftlichen und histori­schen Kontinuitäten die aktuelle Ver­änderung der politischen Lage“ erkläre.8 Die akademischen Expert*innen auf dem Podium repräsentierten die in der Frage aufgeworfenen Kontinuitäten: Eine Psychoanalytikerin, ein Typ, der ein Buch zur gesellschaftlichen Totalität geschrieben hat, und eine Sozialhistorikerin. Es sind Expert*innen, die angehalten sind den Begriff ‚Autoritarismus‘ zu definieren, damit man einen gemeinsamen Begriff davon hat, was bedeutet, dass sie schlicht das theoretische Besteck Kritischer Theorie explizieren. Die Veränderungen der politischen Lage findet kaum Erwähnung, sondern wird stillschweigend vorausgesetzt.

Einen Bezug auf die aktuellen Veränderungen der politischen Lage, gar auf aktuelle Kämpfe (oder Stimmen von Kämpfenden) gab es nicht. Statt einer politischen Analyse der Gegenwart gab es akademische Referate über Begriffe. Die Gegenwartsbezüge waren bestenfalls Andeutungen, die mit wissendem Kopfnicken beantwortet wurden und dabei so oberflächlich, dass dieses Podium exa so auch vor zehn oder zwanzig Jahren hätte stattfinden können, ohne, dass das inhaltlich aufgefallen wäre. Was möglicherweise aufgefallen wäre: Die Abwesenheit von emphatischer Diskussion und Selbstkritik, die sich durch den gesamten Kongress zog. Es war an verschiedensten Stellen überdeutlich, dass sich unterschiedlichste und oftmals gegensätzliche Positionen im Raum befanden – ob nun zu Militarisierung, Femi­nis­mus oder den Bezug auf den Kom­mu­nismus – und doch wurden diese kaum bis gar nicht verhandelt. Es ist alles dabei: Von Jungle World Linken, deren Ukraine Solidarität kaum noch von NATO-Positionen zu unterscheiden ist bis zur Anrufung der internationalen Arbeiterklasse, die Russland wie den Westen kampfunfähig machen soll; von halboffenen TERF-Positionen bis zu „materialistischer Queerfeminismus“; von: ‚die AfD ist der neue Faschismus‘ bis ‚der Faschismusbegriff hilft uns nicht weiter‘. Die Positionen innerhalb dieses Potpourris sind politisch so unvermittelt zueinander wie selten zuvor, die Weigerung, diesen Dissens auf den Tisch zu packen und auszuhandeln, ist beides: Teil von Einheitsgetümel und Lagerbildung ebenso wie ein Abfinden mit der eigenen politischen Desorientierung und Bedeutungslosigkeit. Schließlich entstehen neue Positionen, neue Politiken und politischen Kulturen nur in der Auseinandersetzung – mit sich selbst, miteinander und mit den gegenwärtigen Verhältnissen. Damit mein ich kein antideutsches Poser-, um nicht zu sagen Mackertum, das den anderen die eigene theoretische Überlegenheit vorführen will und sich über den Dingen stehend wähnt. Vielmehr geht es mir um eine ehrliche Auseinandersetzung, mit dem was wir gerade noch nicht greifen können, nicht verstehen, wo wir gerade unsicher sind, wie man damit umgeht oder wo wir hin und hergerissen sind, wo sich Widersprüche auftun, die sich so leicht nicht aufheben lassen. Es geht darum, sich nicht abzufinden mit der langweiligen Wiederholung des immer gleichen, sondern im Modus der (Selbst-)Kritik neue Analysen, Politiken, Kulturen und Gepflogenheiten zu entwickeln. Und natürlich kann das ein Kongress allein nicht leisten, aber er hätte mehr sein können als ein ‚schön, dass wir alle hier sind‘ und ‚übrigens hier kannst du dich zu folgenden Themen informieren‘. Das ist schade, denn schließlich verlieren antiautoritäre und antisemitismuskritische Positionen gerade real an Boden in der außer- wie innerparlamentarischen Linken und ‚wir‘ haben dem genauso wenig entgegenzuhalten wie dem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust dieser Positionen. Vielleicht sollten wir den nächsten Kongress mit der Frage starten: Was haben wir falsch gemacht, dass sich alles so alt geworden anfühlt?


1
Wie das auch sehr schön die Gruppe Florida in ihrem Text „Emokater: Der 17. Januar in Connewitz und Trollen als politische Praxis“ beschrieben haben, nachzulesen auf dem Blog der Gruppe: https://gruppeflorida.noblogs.org/

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