
Editorial
Die aktuelle Lirabelle ist ein Heft der Gegensätze: Auf der einen Seite haben wir überraschend viele unterhaltsame Beiträge, ja sogar Witze im Heft, auf der anderen geht es ausführlich darum, wie scheiße alles ist.
Wie kommt das? Nach der letzten Lirabelle ist uns eine Rezension in die Hände gefallen: Im »Hecht«, einem Zeckenheftchen aus Mecklenburg-Vorpommern, wird die Lirabelle als »Hecht für Erwachsene« besprochen, als Magazin, das es nun schon eine ganze Weile (seit 2013) gibt, und in dem es »ausgefeiltere Analysen« zu lesen gibt. Dafür aber, so wird bemängelt, fehlen bei uns die »Quatsch-Rubriken«, die den Hecht ansprechender und lustiger machen als die Lirabelle. Wir haben uns das zu Herzen genommen und gezielt nach leichteren, amüsanteren Zuschriften gefragt, die uns dann auch erreicht haben. Danke dafür, danke auch für die ernsteren Texte über die patriarchalen Zuständen in der Linken und zu Nahost.
Wir schmeißen in diese Ausgabe das alles zusammen, was vielleicht einen widersprüchlichen Gesamteindruck erzeugt: Radikal Linke kriegen es anscheinend hin, die Welt im allgemeinen und die eigene Szene im Besonderen total scheiße zu finden und trotzdem zu lachen. Was soll man auch sonst machen? Wir fragen uns, wie diese Mischung auf euch wirkt, wünschen uns aber auf jeden Fall weiterhin, dass man uns anschreibt, wenn man was zu sagen (oder zu malen) hat, das Linksradikale in Thüringen interessieren, irritieren oder amüsieren könnte.
Noch etwas ist besonders an dieser Ausgabe: Als Beilage findet ihr eine ausführliche Besprechung des vergangenen Zeit-zu-Denken-Kongress in vier Teilen. Vom 10.-13. September geht der Kongress in die zweie Runde, achtet auf Ankündigungen und meldet euch an – die Plätze sind begrenzt.
Die vielen und ausführlichen Zuschriften sind der Grund, wieso wir diesmal keinen Platz für Termine und Streetart haben. Und auch keine Aluhut-Chronik – aber vielleicht ist dieses Genre auch auserzählt, weil das Sich-Lustig-Machen über Schwurbler mittlerweile total im Mainstrem angekommen ist.
Abschließend noch der Hinweis: Der Scheiß-Kapitalismus ist immer noch da, deswegen brauchen wir nach wie vor Kohle, um den Druck zu finanzieren. Gebt reichlich, wenn euch was dran liegt, dass linksradikale Texte, Bilder und Ideen in Thüringen auch abseits von Social Media lebendig bleiben.
Die Redaktion der Lirabelle 35
PS: Der Einsendeschluss für die kommende Ausgabe soll der 12. Juli 2026 sein
Inhalt
- News
- Wird Jena dank eines umfangreichen und umsichtig agierenden Polizeiaufgebotes vor der Verwüstung durch Linksextremist*innen bewahrt?
Wie angemessen agieren Cops auf linken Veranstaltungen und was soll damit erreicht werden? Diese Fragen treibenAna Gris schon seit längerem um. Die Teilnahme an der Soliveranstaltung für die Betroffenen des Budapest-Komplexes am 7.2.2026 in Jena bestätigt letztendlich die Vermutungen und gibt nur eine wirklich schlüssige Antwort. - Hoch die Hände!
Ein Gedicht von Kerich Ästner - … begründet ein anonymer Rant, der uns erreicht hat. CN/TW: Männer, sexualisierte Gewalt, patriarchale Gewalt, Femizide, Kraftausdrücke.
- Macker sind ein Problem im Plenum!
Wir müssen über Macker im Plenum sprechen – findet Mira Glühwurm und fasst einige Gremien der letzten Woche zusammen. Namen wurden geändert, die Wut bleibt. - Danke für Nichts! – Über das Ende von Campus Mackerfrei
Campus mackerfrei ist vorerst Geschichte. Die Hochschulgruppe, die sich 2020 gegründet hat, um gegen die Rückkehr eines übergriffigen Professors an die Universität Erfurt vorzugehen, hat nun ihre Auflösung bekannt gegeben. Seit sechs Jahren war campus mackerfrei eine niederschwellige Anlaufstelle für Betroffene von (sexualisierter) Gewalt und eine wichtige Instanz des selbstorganisierten feministischen Protests in Erfurt. Jetzt ist damit Schluss und das ist ein Armutszeugnis für die linke Szene in Erfurt – findet X.Y. - Die deutsche Linke und der Nahost-Konflikt
Der Infoladen Sabotnik hat beim antifaschischen und antirassistischen Ratschlag 2025 einen Workshop zu diesem Thema durchgeführt, fasst hier die Ergebnisse zusammen und bemüht sich um ein paar Deutungen dazu. - Wie viele … braucht man, um einen Glühbirne zu wechseln?
- Es gibt keinen richtigen Krieg im Falschen – Solidarität mit Israel!
Noch nie stand Israel im laufenden Jahrhundert so unter Druck wie heute. Und nie war die linke Solidarität so leise, der Antizionismus so laut wie dieser Tage. Ox Y. Moron über die Zeitenwende der politischen Linken in der Haltung zum jüdischen Staat. - Voraussetzung ist die Fähigkeit, sich informieren zu wollen
Gegen Desinformation als Ausdruck des autoritären Bedürfnisses nach Eindeutigkeit argumentiert Max Unkraut mit der Studie ‚Debunking the Genocide Allegations‘, die sich mit dem gegen Israel erhobenen Vorwurf des Genozids beschäftigt. - Rezension: Überwintern in schwierigen Zeiten
El Pato empfiehlt die Lektüre von Agnoli und sieht in Michael Heweners biografischer Miniatur über ihn einen guten Einstieg dazu. - Repressionsschnipsel