Überwintern in schwierigen Zeiten

El Pato empfiehlt die Lektüre von Agnoli und sieht in Michael Heweners biografischer Miniatur über ihn einen guten Einstieg dazu.

Im Jahr 2025 wäre Johannes Agnoli 100 Jahre alt geworden. Eher zufällig – so beschreibt es Michael Hewener im Gespräch – ist im selben Jahr die von ihm herausgegebene Miniatur zu Agnoli im Dietz Verlag erschienen. Darin beschreibt Hewener auf 50 Seiten kompakt und pointiert Agnolis Leben und Wirken und „leg[t] dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Frage, die ihn sein ganzes Leben bewegte: Wie verhindert der Staat im Kapitalismus die Revolution?“

Das Leben des Politologen und Philosophen Johannes Agnolis, den Joachim Bruhn in seinem Nachruf auf ihn als „Partisanenprofessor … im Lande der Mitläufer“ beschreibt, beginnt im Faschismus. Im Februar 1925 in Italien geboren, wurde Agnoli als Jugendlicher Mitglied einer faschistischen Jugendorganisation, schloss sich nach seinem Abitur der Wehrmacht an und wurde an die Gebirgsjäger vermittelt. 1945 flüchtet er sich in britische Kriegsgefangenschaft. Daraus entlassen kehrt er nicht nach Italien zurück, sondern setzt in Deutschland sein Studium fort. Wann er mit dem Faschismus bricht, lässt sich laut Hewener nicht genau datieren, ist aber spätestens 1956 öffentlich nachvollziehbar, als er in einer Replik auf einen Artikel in der Frankfurter Allgemeine die Beschreibung zurückweist, das deutsche Volk sei von Hitler verführt worden: „Agnoli wandte sich entschieden gegen die Verwandlung von Schuld in Schicksal… Dies ist ein aussagekräftiges Beispiel für die Art der eigenen Vergangenheitsbewältigung … Es ging ihm in seiner öffentlichen Vergangenheitsbewältigung nicht um persönliche Vergebung, sondern um Aufklärung gegen das Wiedererstarken des Faschismus.“ (Hewener)

Die Hinwendung zum Marxismus stellt Hewener in Zusammenhang mit der Mitgliedschaft in der Fördergesellschaft des SDS, wo Agnoli Kontakte zu linken Politikwissenschaftlern (wie Wolfgang Abendroth) knüpfte. „Aus dem Deutschland liebenden Jungfaschisten war inzwischen ein kritischer Marxist geworden.“ Vor allem im Rahmen der Universität setzte sich Agnoli zu dieser Zeit bereits mit Staats- und Parteifragen auseinander, bevor er durch den 1967 gemeinsam mit Peter Brückner veröffentlichten Text Die Transformation der Demokratie für die außerparlamentarische Opposition zum Stichwortgeber wurde. Hierin formuliert Agnoli eine Parlamentarismuskritik und zeigt die Integrationskraft des Parlamentarismus, das Potenzial zur Involution politischen Engagements durch den Staat auf.

Die Transformation der Demokratie ist sicherlich sein bekanntester Text, als wichtigsten Text Agnolis beschreibt Hewener aber Der Staat des Kapitals. In dem darin von ihm beschriebenen Verhältnis von Staat und Kapital grenzt sich Agnoli von den in den 1970er Jahren maßgeblichen Positionen des staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) einerseits und der Staatsableitungsdebatte anderseits ab. Er beschreibt den Staat als relativ autonom; er lasse sich weder von den Kapitalverhältnissen ableiten, noch ist er davon unabhängig, sowie er andererseits konstitutiv für das Kapitalverhältnis ist. Das ist er nicht zuletzt durch seine Fähigkeit Klassenkämpfe einzuhegen.
Zu der Zeit, als Agnoli diesen Text schreibt, verbringt er bereits wieder viel Zeit in Italien, wohin er nach dem seiner Emeritierung zurückkehrt. In seiner Abschiedsvorlesung von 1989/90 zu Subversiver Theorie (die aufgezeichnet, verschriftlicht und veröffentlicht wurde) entdeckt und beschreibt Agnoli „[i]n einem wilden Ritt von Adam und Eva bis zur Französischen Revolution … subversives Denken immer da, wo die bestehende Ordnung in Frage gestellt wurde.“ (Hewener) In Ergänzung an seine Kritik einer Praxis, die droht eingehegt zu werden, beschreibt und analysiert er darin Beispiele von Brüchen mit der bestehenden Ordnung, die Ausdruck sind von Hoffnungen und Entwürfe eines Anderen; eine Praxis sans phrase, die der Logik der Ordnung unversöhnlich gegenübersteht. Es ist, so beschreibt es Agnoli, eine „Entdeckungsreise (.) auf der Suche nach dieser Maulwurfarbeit“, deren Sinn „[i]m Nachdenken über schlechte Zustände und Einsicht in die Notwendigkeit der Umwälzung, im Entwurf des Neuen“ besteht.

Hieran zeigt sich biografisch, Agnoli hat subversive Theorie im Wissenschaftsbetrieb gelehrt. Die Subversion als Wissenschaft zu beschreiben – so der Titel Heweners Buch – scheint hingegen irreführend. Schließlich ging es Agnoli mit der subversiven Theorie darum, deren Begriffe zu entfalten und Wahrheitsgehalte freizulegen. Darin aber ist sie das Gegenteil von zum System verdichteten widerspruchsfreien Wahrheiten. In den Worten Bruhns: „Johannes Agnoli hat den Antagonismus gedacht und die Revolution, nicht um daraus eine subversive Theorie zu verfertigen, sondern zum Zweck der kategorischen Kritik.“

Tatsächlich gelingt es Hewener das auch in seiner Darstellung Agnolis Wirken deutlich zu machen, indem er die von ihm aufgeworfene Frage danach, wie der Staat im Kapitalismus die Revolution verhindert bei Agnoli immer wieder nachzeichnet. Darin macht er auch das Denken Agnolis für Leser*innen, die nicht mit seinen Texten vertraut sind, nachvollziehbar.1 Sein Leben und sein Werk sind in seinem Wirken in der Darstellung dabei so miteinander vermischt, dass das Buch einen guten Überblick und Einstieg bietet, sich mit Agnoli zu beschäftigen. Daran hat auch die Tatsache einen Anteil, dass im zweiten Teil des Buches Texte von Agnoli mit abgedruckt sind, die aufzeigen (und vertiefen), was Hewener zusammenfasst. Das anzuregen und die Überlegungen Agnolis wieder ins Gedächtnis zu rufen, könnte (wenn es gelingt) ein wichtiger Beitrag dieses Buches sein. Schließlich hat die Kritik an der Integrationskraft des Staates nichts an Bedeutung eingebüßt. Darüber hinaus kann die Auseinandersetzung mit Agnoli gerade in Zeiten, die von politischen Abwehrkämpfen geprägt sind, eine Hoffnung an Revolution aufrecht erhalten und erinnert daran, dass wem es um die Überwindung von Herrschaft und Gewalt bestellt ist, stets um mehr als die Verteidigung des Status quo gegen die drohende Verschlechterung gehen muss: Um nicht weniger als die Abschaffung dieser Ordnung.2 In Zeiten der Überwinterung bietet Agnoli einen Hintergrund, der hilft darauf zu reflektieren, nicht in die Affirmation dessen zu verfallen, was es zu überwinden gilt. Die Auseinandersetzung mit Agnoli sei an dieser Stelle also empfohlen, einen guten Einstieg dafür bietet das beschriebene Buch.

Michael Hewener (Hrsg.): Johannes Agnoli oder: Subversion als Wissenschaft. Berlin (Dietz) 2025, 176S., 14,00€

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Dabei geht er auch immer wieder auf die theoretischen Bezüge Agnolis ein, bei der Buchvorstellung im Herbst 2025 in Erfurt noch ausführlicher als im Buch. Die Veranstaltung ist auf Youtube zu finden, Suchstring „Johannes Agnoli: Subversion als Wissenschaft“.

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Die Notwendigkeit an der Überwindung der Kapitalverhältnisse auch in Zeiten der Überwinterung festzuhalten, beschriebt Agnoli auch in Gesprächen mit Christoph Burgmer, die unter dem Titel „Agnoli – Das negative Potenzial“ in Teilen als Text sowie auf Youtube veröffentlicht wurden.

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