Der Infoladen Sabotnik hat beim antifaschischen und antirassistischen Ratschlag 2025 einen Workshop zu diesem Thema durchgeführt, fasst hier die Ergebnisse zusammen und bemüht sich um ein paar Deutungen dazu.
Vorgeschichte
2025 haben sich die Gräben in Sachen Nahost in der Thüringer Linken vertieft. Wie man sich positioniert ist nicht nur hoch umstritten, sondern auch von hoher Priorität. Der Kampf ist dabei (wie immer) auch einer um Deutungshoheit. Deswegen verzichten wir hier bewusst darauf, die konkreten Streitpunkte (die Antira-Demo und das System Change Camp im Sommer 2025, die Ratschlag-Vorbereitung) darzustellen. Eine Darstellung muss scheitern, weil im jetzigen Stand der Auseinandersetzung jede Deutung sofort als klare Positionierung gelesen wird. Was, so denken wir, ein Teil des Problems ist. Positiv zu vermerken ist, dass der Konflikt anders als in Berlin, Halle oder Leipzig (oder in Thüringen in den 2000er-Jahren) noch nicht mittels physischer Gewalt geführt wird. Bei manchen Gelegenheiten, z.B. am Rande der Palästina-Kundgebung in Jena am 11.7. (und je nach dem, wen man fragt, auch beim Stoppen der Antira-Demo) war es kurz davor. Der Konflikt ist für viele Beteilige kräftezehrend und frustrierend, es werden Feindseligkeiten und Abgrenzungsdynamiken in Gang gesetzt – oft noch nicht einmal für das, was man tut, sondern für das, was einem zugeschrieben wird. Meron Mendel fasst es so zusammen, dass in der deutschen Linken Palästina Ultras und Israel Hooligans streiten – dazu passt ganz gut, dass nicht wenige derer, die im Moment ganz besonders polarisieren, tatsächlich aus der Fußball- und Sport-Subkultur kommen. Wir finden das scheiße und haben deswegen beim Ratschlag mit einem Workshop versucht, dazu beizutragen, das polarisierte Fan-Tum zugunsten einer differenzierten Position zu überwinden und unnötige Eskalationsdynamiken zu vermeiden.
Wir sprechen von unnötiger Eskalation, weil es manchmal politisch sinnvoll ist, zu eskalieren. Aber wir würden bestreiten, dass es bei den aktuellen Eskalationsdynamiken immer (oder sogar meistens) um sinnvolle politische Eskalationsdynamiken geht: Es geht (so denken wir) oft in erster Linie nicht um das Leid konkreter Israelis oder Palästinenser*innen, sondern darum, dass die Angehörigen der beiden Fangruppen sich ihrer Identität versichern und klar machen, dass sie (und nur sie) auf der moralisch richtigen Seite stehen.
Wir denken weiterhin, dass die Eskalationsdynamiken einen inhaltlichen Kern haben, aber sehr stark dadurch geprägt sind, wie gesprochen bzw. gestritten wird. Deswegen haben wir beim Workshop sowohl über Formen als auch über Inhalte gesprochen – in einer Runde von ca. 25 Personen, die in etwa die Breite aktueller linken Positionen zu Nahost abdecken.
Wir fassen hier zusammen, was im Workshop gemeinsam auf großen Papierbögen protokolliert wurde.
Workshop-Frage 1: Worin sind wir uns einig?
Ein Ergebnis des Workshops ist, dass es anscheinend Einigkeit darüber gibt, dass die Diskussion konstruktiv geführt werden sollte – und dass die Frage kompliziert ist. Insofern war zu dieser Frage auch nicht viel mehr Übereinstimmung möglich als ein lauwarmer Konsens zum notierten Satz: „Wir lehnen das Massaker vom 7. Oktober ab, sowie die israelische Kriegsführung + Kriegsverbrechen“. Dass das nur ein lauwarmer Konsens war, also nicht die begeisterte Zustimmung der Teilnehmer*innen fand, liegt vermutlich daran, dass niemand so recht zufrieden damit ist, die Aggressionen der beiden Konfliktparteien gleichwertig nebeneinander zu stellen – denn während man auf der einen Seite argumentieren kann, dass der 7. Oktober der Auslöser des darauf folgenden Krieges war, kann man andersherum auch darauf insistieren, dass der Body-Count im Krieg in Gaza bedeutend höher ist, als der am 7. Oktober. Beides ist wahr und macht es so schwierig, die beiden Sachverhalte einfach nebeneinander zu stellen. Festhalten können wir: Auf dem Papierbogen zur Frage „Worin sind wir uns einig?“ war am wenigsten vermerkt.
Workshop-Frage 2: Was halten wir inhaltlich nicht aus?
Selbstkritisch könnte man hier auch fragen: Was heißt eigentlich „nicht aus-halten“? Dass man unerträglich leidet, wenn jemand böse oder falsche Sachen sagt? Und was sagt es eigentlich über unser Milieu aus, wenn es so ist, dass man Menschen mit politischen Aussagen so krass verletzen kann, das sie es schlichtweg nicht aushalten? Kann man noch zum Bäcker gehen, wenn das wirklich so ist? Oder wird die Aussage „Das halte ich nicht aus!“ eher strategisch genutzt, um entsprechende Aussagen vorab aus dem Feld des Sagbaren auszuschließen?
Feindbildkonstruktionen
Einigkeit besteht darin, dass man Kollektivkonstruktionen zur Pflege von Feindbildern nicht aushält, so die „Gleichsetzung von Jüd*innen und Israel“ (hier wie bei allen folgenden Zitaten wörtlich von den beim Workshop ausliegenden Papierbögen übernommen) oder „Palästina=Hamas“. Abstrakter gesagt geht es um Feindmarkierungen, die auf das unterschiedslose Bekämpfen der gegnerischen Gruppe zielt, um die Position „Meine Befreiung ist mit der Anderer nicht verbindbar“.
Das „Ignorieren von gerichtlichen Beschlüssen“ bezieht sich vermutlich auf mehrere Gutachten des Internationalen Gerichtshof in Den Haag, der im Juli 2024 die Siedlungspolitik der israelischen Regierung als Verstoß gegen das Völkerrecht einordnet hatte und im Oktober 2025 darauf insistierte, dass Israel die Versorgung der Zivilbevölkerung in Gaza stärker unterstützten müsse, auch unter Beteiligung der extra für Palästinenser*innen gegründeten UN-Gliederung UNRWA. Als ebenso unaushaltbar wurde die Ansicht festgehalten, „Israel soll von der Landkarte verschwinden“ – wir deuten das so, dass es hier auch um die Legitimation unterschiedsloser Gewalt gegenüber der als Feind markierten Gruppe geht.
Geschichtsrevisionismus
Nicht auszuhalten sind ebenso verschiedene Argumentationen und Parolen, die darauf hinauslaufen, den Nationalsozialismus und die Shoa zu relativieren. Genannt wurde hier die Ansicht „das was die israelische Regierung in Gaza macht = was die Nazis den Juden angetan haben“ oder die Parole „Zionismus ist Faschismus“. „Free Palestine from German Guilt“ schließt daran an – die Parole richtet sich dagegen, aus der NS-Geschichte eine besondere Verantwortung abzuleiten – sie schließt (denken wir) relativ nahtlos an die (rechte) Rede von deutschen Schuldkult an.
Zynismus und Legitimation von Gewalthandeln
Ebenso genannt wurde die „Instrumentalisierung und Relatvierung von menschlichem Leid“, wie sie sich z.B. in der Ansicht äußert: „Palästinenser sind selbst schuld, können doch einfach gegen die Hamas rebellieren“.
Die Parole „Free Palestine from Hamas“ klingt auf den ersten Blick wie ein Befreiungsversprechen, eine Nachfrage hat ergeben, dass das Nicht-Aushalten sich darauf bezieht, dass die Parole in der Situation eines laufenden Krieges diesen legitimiert. In eine ähnliche Kerbe schlägt „Gewalt der IDF als antifaschistisch darzustellen“.
Als Zynismus und deswegen nicht aushaltbar können wohl auch Aussagen wie „Das hat nichts mit uns zu tun“ oder „Es gibt wichtigeres“ gelesen werden – wobei wir uns gerade an der Stelle fragen, ob diese Position noch einen sinnvollen Diskurs erlaubt: Wer es nicht aushält, dass jemand Antisemitismus oder das Leid in Gaza nicht für das wichtigste Thema auf der Welt hält, kann ja im Grunde ausschließlich mit den Angehörigen der einen kleinen Bubble sprechen – und muss sich vielleicht auch die Frage stellen, ob diese Auffassung nicht einen gewissen Zynismus gegenüber den Opfern anderer Konflikte und Herrschaftsverhältnisse mit sich bringt.
Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs
Nicht auszuhalten ist weiterhin die Instrumentalisierung und Überdehnung des Antisemitismusvorwurfs – wobei wir vorsichtige Zweifel daran anmelden möchten, ob ein relevanter Teil der Linken die hier genannten Argumentationen vertritt: „Der Begriff Palästina ist per se antisemitisch“ oder „Kritik an der israelischen Regierung als per se antisemitisch darzustellen“ – es könnte auch sein, dass es nicht aushaltbar ist, wenn jemand herausarbeitet, dass eine ganz bestimmte Kritik an Israel tatsächlich antisemitisch motiviert ist. Wenn das so ist, beginnt gerade hier die große Aufgabe politischer Verständigung, nämlich genau darüber, wann eine Position zu Nahost als Umwegkommunikation für Antisemitismus (oder antimuslimischen Rassismus) genutzt wird oder dafür anschlussfähig ist. Dass das (beides) geschieht, ist unseres Erachtens offensichtlich, und eine gewisse Bereitschaft, darüber zu diskutieren, scheint uns unerlässlich.
Was eskaliert unnötig?
Darstellung des Gegenübers als verachtenswürdig durch maximale Moralisierung
Zum Verständnis erst mal: Es ist kaum möglich, politische Aussagen ganz ohne Ideen von Moral und/oder Ethik zu formulieren, also ohne eine Idee von Gut und Schlecht. Als unnötige Eskalation wird eine Rhetorik gesehen, die übertrieben stark darauf zielt, das Gegenüber als schlechten Menschen darzustellen, anders herum „das Gefühl von moralischer Überlegenheit transportieren“: „die Faschismuskeule“ oder die oben schon genannten NS-Vergleiche.
Ein anderer Weg, das Gegenüber als verachtenswerte Person darzustellen, lässt sich als Konsequentionalismus bezeichnen: „Wenn Du A sagst, dann bist Du auch für B“ – was sich vermutlich sowohl darauf bezieht, israelsolidarischen Linken zu unterstellen, sie würden jeden Schuss der IDF gutheißen; palästinasoldarischen Linken zu unterstellen, sie würden die Hamas abfeiern.
Gezielte Polarisierung
„Andere zu Positionierung provozieren“, auch darüber, dass man „andere Themen/Veranstaltungen für Nahost instrumentalisiert“ führt „zum gefühlten Zwang, sich zu positionieren“, der wiederum in oft in einer „starken Feindbildmarkierung“ genutzt wird – auch indem man andere „zu früh einer Gruppe zuordnet“ – all das wurde ebenfalls als unnötige Eskalation genannt, zudem noch „Whataboutism“ und „Hinter jedem Konflikt dunkle Mächte sehen“.
Was hilft, verständigungsorientiert zu sprechen?
Ein Teil der Antworten auf die Frage bezieht sich klar auf eine Grundhaltung: die Bereitschaft, „eigene Denkschablonen [zu] hinterfragen“, was uns offensichtlich scheint: Wenn jede Positionierung sofort in einen fertigen Deutungsrahmen einsortiert wird, ist keine Verständigung möglich. Stattdessen herrscht die „Hermeneutik des Verdachts“, die Deutung einer jeden Aussage wird auf das erwartete Ergebnis enggeführt. Dagegen hilft eine „grundsätzlich wohlwollende Haltung gegenüber den anderen“, „miteinander statt übereinander [zu] sprechen“ und das „Nachfragen bei Missverständnissen“.
Nötig dafür ist auf der Seite der Subjekte eine gewisse „Ambiguitätstoleranz“ – also die Fähigkeit, Uneindeutigkeiten und Widersprüche auszuhalten. Vielleicht liegt darin das größte Potential für eine Verbesserung der Lage. Würden alle einsehen, dass es sich ganz faktisch um eine höchst widersprüchliche Lage handelt, in der eine eindeutige Positionierung nur um den Preis zu haben ist, das Leid der anderen Seiten zu verleugnen oder zu relativieren, wäre viel gewonnen.
Der dritte Themenkreis von Antworten scheint uns total sinnig: Da ein Gutteil der Eskalation stattfindet, weil die immanente Logik von Social Media auf maximale Zuspitzung zielt, ist es naheliegend, „Social Media nicht [zu] nutzen oder kritischer [zu] betrachten“ und sich „Medienkompetenz an[zu] eignen“. Was darauf hinaus laufen würde, das gefühlsinten- sive Drama, dass ein Abend vor X oder Insta verspricht, an sich vorbei gehen zu lassen.