Noch nie stand Israel im laufenden Jahrhundert so unter Druck wie heute. Und nie war die linke Solidarität so leise, der Antizionismus so laut wie dieser Tage. Ox Y. Moron über die Zeitenwende der politischen Linken in der Haltung zum jüdischen Staat.
Am 10. Juli 2025 demonstrierte ein Bündnis verschiedener linker Gruppen in Jena unter dem Motto „Stoppt den Genozid in Palästina“ gegen Israels Krieg gegen die Hamas. Die gesammelten Forderungen klangen wie aus dem Drehbuch der Hamas direkt übernommen. Kein Teil der Forderungen war: Die Freilassung der Geiseln, die die Hamas am 7. Oktober 2023 in den Gaza-Streifen verschleppt und noch nicht zu Tode gelyncht hatte. Und überhaupt: Der Auslöser des Krieges sowie die Kriegsparteien, in deren Hand es lag, den Konflikt sofort zu beenden (Iran, Hamas), kamen im Aufruf nichtmal vor. Die Ausgeburt des Bösen war dagegen klar benannt: der jüdische Staat. Diese Demonstration ist nur eine Aktion links-antizionistischer Kräfte von unzähligen selbst im weltpolitisch eher bedeutungslosen Thüringen. Und der Tendenz nach wechseln mehr und mehr Gruppen unter dem Konformitätsdruck der palästinensischen Empörungsindustrie die Seiten in Richtung globaler Antizionismus.
Denn kein Thema war in der zweiten Jahreshälfte des vergangenen Jahres so präsent wie Israels Krieg gegen die Hamas und das unbestreitbare Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung, die als Projektionsfläche linker Nahost-Politik herzuhalten hatte und bis heute hat. Damit ist es den Feinden Israels gelungen, Themen wie die Klimakrise, den gesellschaftlichen Rechtsruck, Trumps Angriff auf die prekären Freiheiten der westlichen Demokratien, soziale Ungleichheit, Russlands Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, etc. pp. fast vollständig aus dem Protestprogramm der Linken zu verdrängen.
Israels Krieg gegen die Hamas – Gretchenfrage der politischen Linken
Folgt man dem Aufruf der Jenaer Genozid-Bekämpfer vom 10. Juli, dann ist eine differenzierte Betrachtung der Lage in Gaza, ihrer Ursachen und Hintergründe keine Option, schließlich „hungern 100% der Bevölkerung in Gaza“. Terror, Grausamkeit und Entmenschlichung hat einen Namen: Israel. Daran besteht im Demobündnis kein Zweifel. Und jeder, der in den Kommentarspalten dieser Gruppen Zweifel anmeldet, angesichts etwa der kritiklosen Übernahme der Propaganda-Narrative, Geschichten und Bilder, die die Hamas produziert oder der seltsamen Fixierung auf das unbestreitbare Leid palästinensischer Araber, während Konflikte in anderen Regionen wenig zu interessieren scheinen (etwa die Lynchmorde und Vertreibungen gegen drusische und kurdische Minderheiten in Syrien), wird niedergebrüllt. Es gab nur noch ein Thema: Israels Krieg, seine Grausamkeit und vermeintliches Ziel, die Auslöschung der Bevölkerung Gazas.
Dabei ist das Ausmaß der Grausamkeit dieses Krieges nicht in einem israelischen Vernichtungswillen begründet, sondern in der Art der Kriegsführung der Hamas. Die Islamfaschisten haben die eigene Bevölkerung in Geiselhaft genommen. Die Rolle der arabischen Landsleute in Gaza steht bereits fest: Sie sollen als Märtyrer im globalen Krieg gegen Israel sterben und damit den Antizionismus in einen weltweiten Aufstand gegen Israel überführen. Lange hat man sich in Israel dagegen gesträubt, sich dieser Logik auszuliefern und auf die menschlichen Schutzschilde der Jihadkämpfer zu feuern. Der 7. Oktober 2023 hat alles verändert.
Die Asymmetrie dieses Krieges und die Strategie der Hamas, sich wie Ratten unter den Wohnhäusern der Bevölkerung, Kindergärten und Krankenhäusern Gazas einzugraben, führte zu einem immensen Leid jener Zivilbevölkerung in Gaza und die Bilder verstümmelter und hungernder Kinder erhöhten den internationalen Druck auf Israel. Wie konnte es soweit kommen?
10/7 – eine Zäsur
Der 7. Oktober hat alles verändert. Erstmals seit dem Holocaust waren Jüdinnen und Juden ihren antisemitischen Schlächtern wieder hilflos ausgeliefert. Für einen Tag brach das israelische Schutzversprechen für die jüdische Bevölkerung in der Grenzregion zum Gazastreifen in sich zusammen. Der 7. Oktober war ein Pogrom. Nachdem die Grenzzäune von Hamas-Eliteeinheiten in den Morgenstunden niedergerissen und die israelischen Grenztruppen tot oder in Gefangenschaft waren, machten sich hunderte Männer auch außerhalb der Hamas auf den Weg in die angrenzenden israelischen Ortschaften zum Plündern, Morden, Brandschatzen und Vergewaltigen.
Die israelische Armee brauchte Tage, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Am Ende dieses Pogroms waren ca. 1.200 Israelis tot und ca. 250 verschleppt. So viele Juden sind seit der Befreiung der deutschen Vernichtungslager 1945 nicht mehr an einem Tag ermordet worden. Am Abend des 7. Oktober trommelte die israelische Armee tausende Reservisten zusammen. In den Kasernen und auf den Plätzen der israelischen Städte und Gemeinden lief die Hatikva hoch und runter. Das Land stand unter Schock. Jeder und jedem war klar, dass das kein Krieg wie so viele zuvor werden würde, sondern sich der Kampf um Israels Existenz mit dem Willen paarte, sich zu rächen; den Zustand, wehrloses Opfer zu sein, mit allen Mitteln, an allen Fronten und ein für alle Mal zu beenden.
Seitdem führt Israel einen Mehrfrontenkrieg gegen den Iran und seine Proxies mit spektakulären Präzisionsschlägen gegen die Hisbollah im Libanon, gegen das iranische Atomprogramm und jüngst gegen das iranische Terrorregime als Ganzes. Nur an der Hauptfront des Krieges schien ein Hauptziel lange unerreichbar: Die Befreiung der Geiseln aus Gaza.
Shithole Gaza
Während Israels Kampf der Verteidigung der eigenen Bevölkerung gilt, riegelte die Hamas ihr Tunnelsystem, in dem die Bevölkerung Schutz suchen könnte, als Rückzugsraum für die eigenen Kämpfer ab – und als Versteck für die israelischen Geiseln. Die Bestimmung der Zivilbevölkerung ist es 1. zu sterben und 2. die Bilder zu liefern, die von diesem Konflikt um die Welt gehen sollen. Und Gazas Bevölkerung lieferte. Die Hamas feiert das Sterben in Gaza als „Treibstoff der Revolution“. Je mehr tote Frauen und Kinder, desto besser.
Die Asymmetrie des Krieges täuscht über eine Tatsache hinweg: Diesen Krieg konnte nur die Hamas und ihr wichtigster Unterstützer, der Iran, beenden. Und genau so kam es auf Druck der Amerikaner schließlich: Die Hamas ließ im Oktober 2025 nach langen Verhandlungen die Geiseln frei und entzog der rechten Netanjahu-Regierung, die alles andere als eine gute Figur machte in diesem Konflikt, die Legitimation für weiteres Bombardement. Hätte Israel das Ziel der Geiselbefreiung aufgegeben, wäre das das Ende des israelischen Schutzversprechens gewesen. Dieses Versprechen, als Jude im eigenen Staat vor antisemitischer Verfolgung sicher zu sein, kann keine israelische Regierung preisgeben.
Hinzu kommt: Israel ist das einzige Land auf der Welt, das die Terroristen, die es vernichten wollen, ernähren muss, weil alle Infrastruktur in Gaza unter der Kontrolle der Hamas steht. Die über Wochen drohende Hungersnot in Gaza war genau der Versuch, die Hamas von dieser Versorgungsinfrastruktur abzuschneiden, indem man die Hilfsgüter nicht mehr der Hamas überlässt, sondern unter eigener Kontrolle verteilt – ein Zustand, den die Hamas zielsicher zu hintertreiben wusste. Die Folge waren Chaos und Schießereien an den Ausgabestellen und damit weiteres Futter für die Propaganda-Narrative, wonach alles, was schief geht im Gaza-Streifen, auf einen sinistren Vernichtungsplan der israelischen Regierung zurückzuführen ist. Selten waren die alten antisemitischen Stereotype in der Propaganda so präsent und klar zu greifen wie heute.
Lost: Die deutsche Linke
Große Teile der deutschen Linken haben den Konflikt und die verheerenden Zustände, die die Hamas in Gaza provoziert hat, zum Anlass genommen, endlich rücksichtslos mit dem jüdischen Staat abrechnen zu können. Es ist eine Kneippkur für die als „Israelkritik“ getarnte Versöhnung mit der eigenen Geschichte, endlich dem jüdischen Staat einen Völkermord vorwerfen zu können – mit der Rückendeckung internationaler Institutionen. Und auch wenn niemand mehr über Genozide zu wissen meint als die Nachfahren von Wehrmacht und SS; es gibt keinen Genozid in Gaza. Warum sollte die israelische Armee über Monate Bodentruppen in einen Guerillakrieg schicken, wenn man den Landstrich ausrotten wollte? In mehr als zwei Jahren Gaza-Krieg starben nach Angaben der Regierungsbehörden der Hamas rund 70.000 palästinensische Araber, inklusive zigtausender getöteter Hamas-Kämpfer. Um 70.000 Jüdinnen und Juden zu ermorden, brauchten die Deutschen Anfang der 40er Jahre keine Woche. Um nicht missverstanden zu werden: Jedes getötete Kind, jeder unschuldig getötete Mensch ist einer zu viel. Aber entweder die Israelis sind die dümmsten Völkermörder aller Zeiten oder es gab einfach keinen.
Trotzdem: Die Timelines der Linkspartei und ihrer Vorfeldorganisationen quellen über mit Bildern leidender Kinder und Völkermord-Memes. Rückendeckung gibt es von Parteiführung und Parteitag. Letzterer hat sich auf dem Parteitag in Chemnitz Anfang Mai 2025 von der IHRA-Definition für Antisemitismus verabschiedet und ist auf die JDE-Definition umgeschwenkt. Der Unterschied: Antizionismus wird nicht mehr als Spielart des Antisemitismus anerkannt. Hier wird das Narrativ der Hamas übernommen. Die Jugendorganisation der Partei setzte auf ihrem Bundeskongress Ende Oktober 2025 noch einen drauf und bezeichnete Israel als „koloniales und rassistisches Staatsprojekt“. Die in Erfurt beheimatete Sprecherin der Linksjugend sprach von einem „Holocaust in Gaza“. Der Genozid-Vorwurf reicht der Parteijugend nicht. Israel muss das übelste aller Verbrechen angehangen werden. Und auch wenn in Gaza bis heute keine Gaskammern gefunden wurden, in Niedersachsen scheint die Linkspartei kurz vor der Mobilisierung für den Einmarsch in Tel Aviv zu stehen. Auf einem Parteitag Mitte März diesen Jahres beschloss man dort die Ablehnung der Staatsbewegung Israels („real existierender Zionismus“) mit den üblich gewordenen in Prosa verpackten Buzzwords (Genozid, Apartheid, etc.) und feierte sich als „ersten antizionistischen Landesverband der Partei“. Wer eine solche Linke hat, braucht keine Rechte mehr.
Aber es macht wenig Sinn mit der palästinensischen Empörungsindustrie über Begrifflichkeiten zu streiten. Denn, mit einem Bonmot von Karl Marx: Die richtige Kritik kritisiert nicht die Antworten, sondern die Fragen. Anders gesagt: Woher rührt etwa das Bedürfnis die Frage nach einem Völkermord in Gaza zu diskutieren? Und wie so häufig dürfte es auch die Entlastung von der eigenen Geschichte sein, die die deutsche Debatte befeuert. Vor mehr als 40 Jahren brachte der unsterbliche Wolfgang Pohrt in einer ähnlich erregten Debatte diese pathologische Entlastungssehnsucht der Deutschen anlässlich des ersten Libanonkriegs 1982 auf den Punkt: „Und der Verdacht muss keimen: So außergewöhnlich völkermörderisch, wie die Israelis nun sind, war Auschwitz vielleicht nur ein kleiner Fehler. […] Weil gerade die Linken hier weder den Nationalsozialismus noch Auschwitz begriffen haben, weil sie Ersteren mit einem besonders tyrannischen Regime und Letzteres mit einem besonders grausamen Blutbad verwechseln, deshalb haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben, das Unrecht, welches sie anderswo entdecken, könne Deutschland entlasten.“
Solidarität mit Israel!
Selten stand Israel so gefährlich mit dem Rücken zur Wand als in Zeiten, in denen der letzte zuverlässige Verbündete Donald Trump heißt. Vielleicht ist es die hegelsche List der Vernunft, dass ausgerechnet der Protofaschist Trump hier aus falschen Gründen das richtige tut. Für den Friedensnobelpreis bringt er die rechte Netanjahu-Regierung ebenso auf Waffenstillstandskurs wie das islamfaschistische Hamas-Regime – freilich mit Unterstützung seiner Autokratenbuddies aus den arabischen Öl-Diktaturen. Damit gelang Trump Mitte Oktober 2025, was unmöglich erschien: Die Befreiung der noch lebenden Geiseln nach 738 Tagen Gefangenschaft.
Für die radikale Linke heißt das, einzugestehen, dass die Geschichte der Vernunft keinen geraden Weg einschlagen muss. Für Kommunistinnen und Kommunisten, die Adornos kategorischen Imperativ, wonach alles dafür zu tun sei, dass Auschwitz nie wieder sei, ernst nehmen, gibt es ohnehin keine Alternative zur Verteidigung des jüdischen Staates gegen seine Feinde. Eine Linke nach Auschwitz ist israelsolidarisch oder sie ist keine.