Wie angemessen agieren Cops auf linken Veranstaltungen und was soll damit erreicht werden? Diese Fragen treiben Ana Gris schon seit längerem um. Die Teilnahme an der Soliveranstaltung für die Betroffenen des Budapest-Komplexes am 7.2.2026 in Jena bestätigt letztendlich die Vermutungen und gibt nur eine wirklich schlüssige Antwort.
…. war die Stimmung bei den Protestierenden zwischenzeitlich angespannt. […] Die Demonstration wurde von mehreren vermummten Personen aus der linken bis linksextremen Szene angeführt. Große Regenschirme haben sie über ihre Köpfe gespannt, um vor den Augen der Polizisten und der Öffentlichkeit unerkannt zu bleiben […] insgesamt registrierte die Polizei vier Straftaten … (TLZ vom 9.2.2026)
„Von Jena bis Budapest: Grenzenlose Solidarität gegen rechten Terror und autoritären Kapitalismus- Freiheit für Maja und Freiheit für alle Antifas“ – unter diesem Motto sammeln sich am Holzmarkt in Jena ab 14 Uhr die Demonstrationsteilnehmer*innen: viele junge Menschen, einige mittelalte, dreiviertelalte und Kinder. Es ist ein unangenehm feuchtkalter Tag mit feinem Nieselregen, man trägt dicke, oft dunkle Kleidung, zwischendurch blinken einige Farbtupfer. Es gibt Redebeiträge zur aktuellen Situation der betroffenen Personen des Budapest-Komplexes. Polizei hält sich eher im Hintergrund und ist wenig präsent. Die Meldung der Beamt*innen in Zivil bei den Demo-Leitung findet nach mehrmaliger Nachfrage nicht statt, da nun angeblich doch keine Zivilbeamt*innen vor Ort sind. Nun ja. Die Stimmung ist recht entspannt, kleine Grüppchen stehen beieinander, plaudern, lachen. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung, vorne laufen Menschen mit Bannern, dahinter reihen sich andere ein, Fahnen sind auch zu sehen. Nach und nach tauchen aus den Nebengassen Gruppen von Cops in schwerer Montur auf. Ein kleiner Trupp bewegt sich im Dauerlauf auf das Ende des Demozuges zu. Die anfänglich lockere Stimmung weicht einer eher bedrohlichen Atmosphäre. Im Film würde jetzt die düstere Musik einsetzen. Mittlerweile ist auch das Mittelfeld von einem Spalier bis zum Kopf behelmter und geschützter Cops umschlossen. An vielen Stellen wird in den Zug hineingefilmt. Das war so nicht abgesprochen. Vereinzelt steigt grauer und roter Rauch auf, ein Böller ist zu hören. Die üblichen Sprechchöre werden skandiert. Antipolizeisprüche sind nicht dabei. Sollte jetzt eine Gefahr von uns ausgehen? Roter Rauch? Ein Böller? Wer hat entschieden, dass die Stadt Jena vor unserer Veranstaltung mit einem solchen Aufgebot geschützt werden muss? Was sind Linksextremist*innen? Menschen, die sich mit Regenschirmen nicht nur vor Nieselregen, sondern auch vor nicht gerechtfertigten Filmaufnahmen schützen? Menschen, die den grauen Tag mit etwas rotem Rauch färben? Der Demozug kommt zum Halten, die Anmelder*innen fordern die Polizei auf, sich zurückzuhalten und mahnen die Demoteilnehmer*innen zur Ruhe. Es wird eine ominöse Zehnsekundenregel ausgehandelt, die Beamt*innen stehen so weit entfernt, dass sie innerhalb von 10 Sekunden am Ort des Geschehens sein können, wo immer dieser sich befinden mag. Alle überlegen, wie viele Meter man in 10 Sekunden zurücklegen kann, berechnen dabei die Abzüge, die mit der schweren Ausrüstung einhergehen und den Massen der Menschen, die im Weg herumstehen und schauen verwundert. Auf jeden Fall geht es weiter. Die Stimmung wird nicht besser. Als Filmmusik wären jetzt die ganz tiefen, dunklen Töne zu hören. Gleich passiert etwas ganz Dramatisches. Es gibt eine Zwischenkundge- bung. Majas Vater spricht. Einige junge Leute sprechen. Es geht unter anderem um unverhältnismäßige Strafmaße, um das Versagen des deutschen Staates im Budapest-Komplex, um Repressionen. Ist das hier gerade eine Repression? Zwei sehr junge Menschen werden abgeführt. Haben sie gegen das Vermummungsgebot verstoßen? Waren weniger als zwei Sinnesorgane erkennbar? Wurden eben zwei gefährliche Linksextremist*innen dingfest gemacht oder fällt das unter den Begriff Repression? Man weiß es nicht. Das Demoziel, der Theatervorplatz ist fast erreicht. Die Luft knistert vor Spannung. Nun werden doch einige Unmutsäußerungen gegenüber der bedrohlichen Polizeimauer laut. Ganz plötzlich entsteht neben mir Unruhe, blitzschnell und gezielt greifen sich zwei Cops einen Menschen und zerren ihn in eine Gasse. Was hat er getan? Noch ein Linksextremist, der aus dem Verkehr gezogen werden muss? Ich bin beunruhigt. Was passiert hier gerade? Ich schaue in die Gasse, in die der Mensch gebracht wurde. Den Menschen kann ich nicht entdecken, dafür schaue ich auf eine breite uniformierte und gepanzerte Brust, ich lege den Kopf in den Nacken und blicke in ein junges Gesicht hinter einem Visier. Ich mache mich auf eine Ansage gefasst, dass ich da nicht hingehen dürfe oder so etwas in der Art, vielleicht verbunden mit einer Berührung der Schulter. Doch nichts dergleichen geschieht. Stattdessen schießen zwei Arme empor, treffen mich mit brutaler Gewalt an der Schulter und mein Körper liegt im Schneematsch auf dem Asphalt, der Kopf folgt Millisekunden später, der Geist schwebt noch fassungslos in der Luft. Schwarzgekleidete Linksextremist*innen helfen mir auf. Eine Reihe Cops starrt stoisch geradeaus. Für mich endet der Tag mit zwei netten linkssympathisierenden Sanis, mit der Unterstützung meiner antifaschistischen Freund*innen und mit der Angst, eine Gehirnerschütterung davonzutragen. Mit dem Wochenende enden die Kopfschmerzen, zurück bleiben viele Fragen: Was wäre, wenn ich keine Mütze getragen hätte, wenn da eine Bordsteinkante gewesen wäre? Wer hat ein Gewaltszenario erschaffen und wer hat Gewalt ausgeübt? Vor wem werde ich mich in Zukunft in Acht nehmen müssen?