… begründet ein anonymer Rant, der uns erreicht hat. CN/TW: Männer, sexualisierte Gewalt, patriarchale Gewalt, Femizide, Kraftausdrücke.
Anmerkung: Wenn ich Männer schreibe, meine ich alle Profiteure und Enabler des Patriarchats, also in jedem Fall hetero cis Männer. Wer immer sich noch angesprochen fühlt, ist auch herzlich eingeladen, sich zu reflektieren.
Der 8. März ist zwei Wochen, X öffentlich bekannte Femizide und einen abgefuckten Diskurs zu den neuen Möglichkeiten der sexuellen Ausbeutung und Gewalt dank Männern und KI her.
Wir sitzen hier und wollen von den kraftvollen lauten Demos berichten, von Solidarität unter flinta*, darüber, ob man den flinta* Begriff noch verwenden sollte oder wie es besser geht, von Freund*innenschaften und gemeinsamen Kämpfen – aber wir sind leer. Deshalb schreiben wir nicht über Stärke, streiten nicht um einen inklusiveren Feminismusbegriff, finden uns nicht zusammen, sondern sitzen ohnmächtig in unseren Wohnungen, auf der Arbeit, in der Uni und fragen uns, wie sich jemals irgendetwas ändern soll.
Die letzten Wochen haben uns geschlaucht, die Diskurse machen uns im besten Fall müde und sind im schlimmsten Fall retraumatisierend. Alle, die wir kennen, sind oder kennen Betroffene, niemand kennt die Täter. Oder doch, WIR kennen sie. Sie sind unsere Genossen, unsere Freunde, unsere Partner, unsere Nachbarn und Mitbewohner, Väter und Brüder. Sie suchen sich Namen und Rollen, um stattzufinden in unserem Leben und es dann Tat für Tat zu ruinieren. Ich glaube nicht an eine befreite Gesellschaft, denn wohin mit all den Männern? Wohin mit der Gewissheit, dass ihr niemals so tief fühlen und so scharf abwägen und so sehr leiden müsst wie wir und deshalb auch niemals begreifen könnt, warum ihr uns so unfrei macht. Ihr sagt, ihr müsst nicht betroffen sein, um zu verstehen. Wir glauben, ihr habt noch nicht genug gelitten.
An einem guten Tag würde ich die letzten Zeilen revidieren, etwas vom Teil der Lösung labern, meinen männlichen Genossen sagen, dass ich sie lieb habe, auch wenn sie bisschen scheiße sind. Aber in letzter Zeit gibt es wenige gute Tage.
Es gibt nur einen Abfuck nach dem nächsten, es gibt Beweise für jedes noch so durchtriebene Männerverbrechen. Das Einzige, was noch seltener stattfindet als gute Tage, sind Konsequenzen.
Collien Fernandes hat Jahre ihres Lebens und große Stücke ihrer psychischen Gesundheit dafür aufgewandt, herauszufinden, wer mit Hilfe von KI ihre Identität gestohlen, online Liebesbeziehungen geführt und pornografische Inhalte von ihr verbreitet hat, nur um dann zu erfahren: Es war ihr Mann, der Vater ihrer Kinder, Christian Ulmen, der von sich selbst mal sagte, er sei der Mann, den der Feminismus sich immer erträumt hat.
Habt ihr schon mal, auch nur für einen ganz kurzen Moment, gedacht, ihr seid der Mann, den sich der Feminismus erträumt hat? Ihr seid es nicht. Wahrscheinlich seid ihr maximal der Schlafparalysedämon einer Genoss*in, eurer Ex-Situationship oder sonst irgendeiner flinta* Person, die euch mal begegnet ist, als ihr dachtet, in dieser Begegnung wärt ihr nicht in der Verantwortung, euch und eure Männlichkeit zu reflektieren oder schlimmer, kommt euer Verhalten gar nicht erst ans Licht. Jeder von euch hat Dreck am Stecken und das zu begreifen und sich nicht in Abwehr- und Kompensationsstrategien zu flüchten, ist schonmal Schritt eins. Es gibt keinen richtigen Mann im Falschen. Es gibt keine gute Männlichkeit im Patriarchat.
Ulmen hat übrigens einen top Medienanwalt gefunden, um seinen jetzt drohenden Downfall (erfahrungsgemäß wird er nicht ganz so tief fallen) abzuwenden: Christian Schertz, bekannt als Anwalt von Lindemann, Mockridge und Co. – weil Männer nämlich immer zusammenhalten. An jeder Ecke steht ein Mann, der bereit ist, seine und die Macht seiner Kumpels zu verteidigen, aber wo stehen die Männer, die bereit sind, sie zu stürzen?
Steht ihr an der Seite eurer Genoss*innen? Wir haben euch lange nicht mehr gesehen.
Wir haben nichts von euch gehört – und damit meine ich nicht in Form von öffentlichen Statements oder Redebeiträgen, sondern im Privaten, als unsere Freunde, als fürsorgliche Wegbegleiter und stabile Genossen hört man von euch nichts. Wie viele eurer Genoss*innen haben sexualisierte Gewalt erlebt und reden mit euch nicht darüber, weil sie wissen, dass es nichts zu holen gibt – dass ihr nicht trösten könnt, dass ihr nicht wütend werdet, dass ihr uns nur als Opfer seht und dass wir es im schlimmsten Fall bereuen müssen.
Und initiativ kommt sowieso nichts. Höchstens alle paar Wochen mal die obligatorische Debatte um die Aufhebung von Hausverboten, weil ihr findet, dass eure scheinbar rehabilitierten Friends zu Unrecht ausgeschlossen werden. Aber Reality-Check: So lange ihr nicht glaubhaft versichern könnt, euch verantwortlich für eure gewaltausübenden Freunde und für die Sicherheit eurer Genoss*innen zu fühlen, wird das nichts. Solange ihr nicht begreift, was patriarchale Gewalt mit Menschen, mit Räumen und mit Gruppen macht, wird das nichts. Und solange ihr es nicht schafft, mit genauso viel Treue und Empörung für eure Genoss*innen einzustehen, wird das nichts!
Die Rehabilitation von Tätern ist für euch kollektive Verantwortung und transformative Gerechtigkeit, aber Betroffene heilen ist Privatsache?!
Des einen Freund ist des anderen Traumafolgestörung und wir sind alle zu beschäftigt damit, das Patriarchat zu überleben.
Und wie ihr eure Zeit verbringt, zeigt: Ihr fühlt euch noch lange nicht verantwortlich genug. Bei einigen (Männer-)Freundeskreisen riecht die ein oder andere flinta* den Täterbraten schon aus der Ferne, aber ihr tut auf verwundert, wenn aus euren unreflektierten Sauf- und Ballerrunden gewaltvolles Verhalten hervortritt. Von uns wundert es niemanden, denn es ist so klar, es ist so offensichtlich. Aber ihr entscheidet euch Tag für Tag immer wieder für Männerkreise und Saufgenossen, ihr entscheidet, was und wessen Inhalte ihr konsumiert, mit wem ihr Plenum macht und stellt all das unter ein scheinbares Naturgesetz: mit Männern könnt ihr halt besser, habt mehr gleiche Interessen und das alles ist eben einfach so.
Ich bin in meinem Leben vielen Irrglauben begegnet, aber eure Bessessenheit, patriarchales Verhalten als vibebasierte Freundschaftskultur zu framen, ist wirklich einer der wildesten.
Niemand muss Täter sein. Niemand muss sich mit Tätern und ihrer Gewalt beschäftigen. Außer die Betroffenen. Niemand muss sich eine Meinung bilden und einen richtigen Umgang finden. Außer Betroffene. Niemand muss… aber alle sollten, weil es eure scheiß Verantwortung als linke Männer ist, das zu tun. Weil es uns weniger ohnmächtig, weniger allein, weniger abgefuckt macht, es gibt uns mehr Kraft, auch mal was anderes zu tun, als zu heilen, zu trösten, zu hassen, zu pöbeln über die ganze Scheiße. Wir würden manchmal auch lieber Demos gegen Deutschland machen statt für Feminismus, aber leider macht die ja sonst niemand. Wir würden auch lieber zu Themen arbeiten, die uns nicht bis aufs Knochenmark gehen, von denen wir uns distanzieren können, wenn es zu viel wird. Stattdessen stehen wir da, zu jedem Anlass, jedes Jahr und schreien „Nie wieder Femizide“ während ein paar Orte weiter der nächste Mann tötet.
Eine Frage, die mich umtreibt und mich traurig macht wie kaum eine andere, ist die des Vertrauens. Zum einen bin ich der Überzeugung, Vertrauen ist eine Entscheidung, etwas, was man wollen muss. Ein Versprechen und die Grundlage gemeinsamer Utopien. Aber in Zeiten wie diesen fühlt sich Männern Vertrauen entgegenzubringen leichtsinnig und lebensgefährlich an, hat keine schöpferische Kraft, ist kein fruchtbarer Boden für gemeinsame Visionen, sondern ist festgefahren und teuer. Zu teuer?
Vielen Femiziden geht eine nahe Beziehung zwischen dem Täter und der Getöteten voraus. Auch Collien Fernandes hat Christian Ulmen mal vertraut. Gisele Pelicot hat ihrem Ehemann vertraut, genug, um ein Leben mit ihm aufzubauen und gemeinsame Kinder großzuziehen und auch wir haben schon Männern vertraut, sie sogar geliebt, uns ein Zuhause mit ihnen geteilt, mit ihnen getanzt und gelacht und wurden am Ende so bitter enttäuscht, benutzt, gedemütigt und verletzt. Die Angst, einem Mann, dem falschen Mann, zu vertrauen und am Ende dafür zu bezahlen, ist größer als mein Bedürfnis auf Versöhnung.
#notallmen: Es gibt Epstein, Pelicot und Ulmen. Es gibt sexualisierte Gewalt zuhause, in der Öffentlichkeit, im Internet, als Kriegswaffe. Sie wird ausgeübt an flinta*, an Kindern, an (queeren) Männern, an real existierenden oder KI-generierten Personen.
Zusammengefasst: Es gibt absolut keinen Grund mehr, auszuschließen, dass ein Mann uns Gewalt antun wird. Deshalb gibt es auch keine Basis, auf der wir euch, egal ob ihr tatsächlich scheiße oder nur potentiell scheiße seid, noch vertrauen könnten. Wir können nicht nachvollziehen, ob ihr nicht doch in irgendwelchen fragwürdigen Redditforen hängt, euch „barely legal teen“ Pornos reinzieht oder KI-Videos von uns erstellt, sie verbreitet und euch dann ganz unschuldig neben uns schlafen legt.
Wenn euch dieses Misstrauen ergreift, empört oder ihr das alles unfair findet, dann versteht ihr immer noch nicht, dass unser Misstrauen kein individueller Angriff auf euch ist, sondern unsere logische Konsequenz, unsere Überlebensstrategie. Etwas, das wir nicht vorrangig haben, um euch zu schaden, sondern um uns zu schützen. Versteht unser Misstrauen nicht als ausweglos, redet euch nicht ständig ein „Ich kann eh nichts richtig machen“. Ihr könnt viel richtig machen. Und das, was ihr nicht richtig macht, gesteht ihr euch ein. Teilt ihr uns und vor allem euren Männerfreunden verdammt nochmal mit. Und zwar nicht nur im Angesicht der drohenden Hinrichtung, sondern proaktiv – so oft es geht. Selbstbewusst und lösungsorientiert. Hört auf, aus eurem Scheißverhalten ein Geheimnis zu machen, was erst unter großem Mehraufwand vieler flinta* gelüftet werden muss.
Reflektiert euch und euer Verhalten, eure Beziehungen, eure Freundeskreise, eure Schamabwehr, euren Neid und eure Art zu lieben, zu begehren und euch zu sorgen.
Das männliche Ressentiment im Bezug auf Feminismus kotzt so an. Hört auf, euch den Diskursen zu entziehen, hört auf, euch feministischer Arbeit zu entziehen.
All diese absolut dunklen Orte, à la Privatinseln, Chatgruppen, Incel Foren und what not… werden aufrechterhalten, weil Männer sich in ihrem abgrundtiefen Hass auf flinta* zurückziehen können, fliehen können in Männerrunden, wo sie keine Konsequenzen fürchten müssen, weil alle alles sehen aber niemand die Fresse aufmacht, in Onlineräume wo jede noch so abartige Männerfantasie auf Bestätigung stößt, in kritikfreie Blasen, wo immer andere schuld sind, aber nie Mann selbst.
Es gibt sicher Feminist*innen, die das alles anders sehen. Die weiß Gott wo ihre Hoffnung herziehen und sich entscheiden, trotzdem zu vertrauen, aber ich bin keine davon. Natürlich habe ich selektiv auch mal Männer lieb, möchte manche als Teil meines Lebens nicht missen – aber meine Hand ins Feuer legen, darauf schwören, dass sie niemals so machen würden, never. Und darin liegt ein fast unerträglicher Widerspruch.
Es wäre schön, wenn es euch jucken würde! Es wäre schön, wenn ihr euch um eure Genoss*innen und ihre Realitäten kümmert. Und ich will und kann euch keine anderen Argumente nennen, es zu tun.
Es gibt keine Aussicht auf Erfolg, Ansehen oder Applaus, wir sind nicht mehr zu beeindrucken. Ihr tut das nicht für euch, ihr tut das nur für uns. Es wäre einfach schön.